Liebe Punks, ihr seid voll mainstream

Wir sind alle gleich. Zumindest ich. Ich bin gleich.

Seit meiner Teeniezeit versuche ich wie Millionen anderer Teenies auch, irgendwie „anders“ zu sein. Ich hab‘ ’ne Zeitlang demonstrativ allen möglichen Schmuck mit einem extreem provokanten Motiv gehortet: Ein umgedrehtes Kreuz. Schockschwere Not. Ich hab‘ mich nur noch schwarz gekleidet und mit dem Gothictum geliebäugelt (mich aber nie als einer bezeichnet, weil mir jede „Szene“ in sich doch wieder völlig uniform vorkam). Ich hab‘ mir einige Piercings stechen lassen und habe mit meinen Lippenpiercings auch wieder eine eigene Anti-Mainstreamgeschichte gestartet: Eine Zeitlang hatten die meisten lippengepiercten Menschen ihr Metallteil in der Mitte der Lippe. Also musste meines natürlich an die Seite. Dann ließen sich auf einmal gefühlte 9 von 10 Teenies seitliche Lippenpiercings stechen, also hab‘ ich mir noch eins gestochen. Das war mir aber auch nicht besonders genug und ich habe beide rausgenommen und mir ein Mittiges gestochen (ja, ich mir selber, doofe Idee, nicht nachmachen). Und so weiter. Mittlerweile sind wirklich alle meine Piercings völliger Durchschnitt, aber für mich selbst muss ich mich manchmal doch daran erinnern, dass zur Zeit des Stechens ein paar meiner Metallpickel „außergewöhnlich“ waren.
Ich könnte das noch an tausend Kleinigkeiten fortführen, aber das will ja keiner lesen der Punkt sollte klar sein.

Und das gilt nicht nur für mich. Ständig lese und höre ich Aussagen wie „Ihr werdet es nicht glauben; ich weiß, es ist total irre… erschreckt euch nicht, aber: Ich mag trockenes Brot. Ohne alles. Total krass, ne?“ So ziemlich alles kann zur Eigenart erhoben werden: Filmgeschmack, Hobbies oder eben totale Banalitäten. Hauptsache, man ist nicht „normal“ und am besten sogar ein „totaler Freak“.

Aber irgendwie ist das doch alles Käse. Was ist wichtig daran, ’ne andere Haarfarbe als (fast) alle Anderen auf dem Kopf spazieren zu tragen? Wie erhebend ist es schon, sich darüber von allen Anderen zu unterscheiden, dass man ein auffälliges Tattoo hat?
Sind wir Möchtegernrebellen wirklich so oberflächlich? Oder fehlt uns das Selbstvertrauen, uns darüber zu definieren, dass wir als Mensch, mit unserer Persönlichkeit und allem Pipapo, etwas Besonderes sein können?
Es ist doch so viel schwerer, durch Mitgefühl oder andere „Tugenden“ aus der Masse herauszustechen als mit grünen Haaren.
Und ist es schon narzisstisch, etwas Besonderes sein zu wollen, oder noch „einfach nur“ menschlich?

Hrmpf. Ich weiß gar nicht, was ich eigentlich sagen will. Ich muss wohl nur mal mit meiner Selbstinszeniererei abrechnen. Und freue mich über jeden sich outenden Auch-Besonders-Sein-Woller. Und andere Gedanken dazu. Und überhaupt.

Advertisements
Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Zeug und verschlagwortet mit , , von Ego. Permanentlink.

Über Ego

Jahrgang ’88, Mensch von Hund, Vegetarierin und Teilzeitveganerin, Piercingjunkie, Chemophobikerin (und Raucherin, wie paradox!), Mäuseköttelanspitzerin musikliebend; tierliebend; foto(gra)fierend; kompliziert simpel; realistisch, optimistisch, pragmatisch pessimistisch; hibbelig; (un)geduldig; links, rechts, geradeaus und rückwärts

14 Gedanken zu „Liebe Punks, ihr seid voll mainstream

  1. Ich kenne das Bestreben alles mögliche aber auf keinen Fall durchschnittlich zu sein. Und so fand ich zu Wolle und Stricknadel und strickte nun leidenschaftlich. Im Unterricht während einer Filmvorführung das Strickzeug herauszuholen und weiter an der Mütze für Opa zu arbeiten schockte Mitschüler und Lehrer sehr, doch inzwischen ist auch Handarbeit langsam wieder modern.

    Der Mainstream hat uns eingeholt. Ich fühle mit dir.

    • Haha, schönes Bild, das mit dem Stricken im Unterricht. Seit ca. zwei Jahren oder so hab‘ ich aber das Gefühl, dass plötzlich fast alle (zumindest die mit den Eierstöcken, weißt schon) das wieder voll retromäßig hervorkramen.
      Irgendwie ist das ständig so, oder? Du entdeckst irgendwas halbwegs Außergewöhnliches für dich und ’ne Weile später ist’s total normal. Oder du hältst irgendwas für außergewöhnlich und musst dann feststellen, dass es das gar nicht ist. Gemein, sowas. Wobei man sich zumindest für den eigenen Bekanntenkreis noch einreden könnte, Trendsetter zu sein.
      Und in deinem Fall bleibt dir ja immer noch ein nettes Hobby – auch wenn es halt leider nicht mehr so „revolutionär“ ist.
      Und danke für dein „Outing“. 😉 Gerade dich hätte ich eher bei diesen beneidenswerten Menschen eingeordnet, die so einen Schnickschnack nicht für ihr Selbstbild brauchen. (Frag mich jetzt bloß nicht, wieso genau. Einfach so ein Eindruck halt.)

  2. Hmpf…die ganzen „angezogenen“ Besonderheiten wirken natürlich mit Abstand und Reife betrachtet albern. Aber so ist das eben mit der Identitätsfindung…erst kommt das tun und später findet mans albern. Aber gerade das man zu einer bestimmten Zeit die Entscheidung getroffen und durchgezogen hat, ist Teil der Entwicklung.
    In meinem Dorf wars voll oberkrass, als ich meine strohblonden Haare auf schwarz umgefärbt habe. Das hat Terror gegeben und meine Schwestern haben mich so lang aufgezogen, bis ich geheult habe. Aber letztendlich war das eine Entscheidung von vielen. Nicht die Farbe hat mich zu etwas besonderem gemacht, sondern die Entscheidung aufzufallen. Und das bleibt zu allen Zeiten gleich.

    • Naja, peinlich ist es mir auch jetzt im Nachhinein nicht. Vielleicht, weil ich da nicht mehr so extrem bin – aber wohl auch, weil das nunmal eben zur Entwicklung dazugehört, genau wie du sagst. Das ist, als würd‘ ich mich schämen, nicht von Geburt an meinen Stuhlgang voll unter Kontrolle gehabt zu haben.
      „Nicht die Farbe hat mich zu etwas besonderem gemacht, sondern die Entscheidung aufzufallen. Und das bleibt zu allen Zeiten gleich.“ Schöne Aussage. Aber beim zweiten Nachdenken stimme ich dem schon nicht mehr unbedingt zu. Definitiv sagt schon die Entscheidung etwas über deine Person aus, ganz klar. Aber diese Entscheidung treffen so viele, das ist es ja. Ist der, der gesehen werden will, wirklich besonders? Wollen wir das nicht fast alle?

  3. Mein Eindruck ist: Heute geht es sehr darum, cool zu sein, oder hip (also in der Tat Babykost 😉 ) oder sonstwas! „Früher“ ging es darum, anders zu sein. Als ich mir einen Ohrring habe stechen lassen, war das eine Revolution! Das war 1978! Und ich trage ihn heute noch – weil ich das, was ich sein wollte, damit ausdrücken konnte. Und nur, weil jeder dann einen hatte, änderte das gar nichts. Weil es mir nicht darauf ankam, was andere wollten oder machten. Nur warum ICH es machte, war wichtig. Und das blieb es mir auch – weil ich davon überzeugt war und bin. Weil es ein Symbol ist; für mich. Für niemanden sonst …

    • Ich weiß nicht recht. Mag sein, dass es „früher“ nicht so wichtig war, „cool“ zu sein. Das kann ich nicht beurteilen, meine Teeniezeit liegt schließlich nicht lang zurück. Aber ich habe schon noch sehr stark den Eindruck, dass es Vielen auch wichtig ist, einfach „anders“ zu sein als alle Anderen.
      Die Haltung ist in der Tat sicherlich gesünder. Aber dann ging es nicht so sehr um Abgrenzung zur Umwelt, oder? Sondern mehr darum, was du für dich darstellen wolltest, (größtenteils) unabhängig von der Außenwirkung?

  4. Oh ja. Was bin ich anders. Sowas von. Aber echt mal.

    Ich denke, Rebellion gehört einfach dazu. Vor allem natürlich solange man sich im unglücklichen Stadium des Teenager-Daseins befindet, denn dann sind ja alle doof (man selbst meist auch), und man MUSS sich einfach absetzen. Die Großbuchstaben sind wichtig.

    Also können wir alle Geschichten erzählen. Mein Vater hat lange Haare getragen (in den frühen 1970ern!) und ich Streichholzkurze. Er hat orangene Schlaghosen getragen, und ich Baggypants und Jungs-Shirts. Die Vorliebe für Männerklamotten habe ich mir erhalten (aber jetzt völlig anders interpretiert), die Haare sind wieder lang – schließlich bin ich ja nicht meine Frisur. Piercing rechts, Piercing in der Mitte, Lippenstift oder nicht, Baggypants oder Miss Sixty (erinnert sich noch jemand an Miss Sixty?) – irgendwo ist es dann doch das gleiche. Dein Kommentar zu den anderen Tugenden gefällt mir, denn natürlich stimmt er. Aber schließlich werden wir auch alle älter und sehen solche Dinge als wichtiger an.

    Trotzdem finde ich dieses „nicht-Mainstream-sein-Wollen“ wichtig, denn wer gezielt gegen den Strom schwimmt entwickelt ein Gefühl für tatsächlich Anderes und löst sich irgendwie von den vorhandenen Gruppenstrukturen ab. Und wenn das als Teenager klappt, auch wenn man vielleicht direkt wieder in einer anderen Gruppenkultur versinkt, kann das auch später funktionieren und man wagt sich vielleicht Dinge, die eigentlich nicht „angemessen“ sind, ist offen für Neues, probiert mal etwas aus. Und das ist ja das eigentlich wichtige: Das man dahin geht, wohin man selbst gehen möchte, und nicht wohin alle anderen gehen. Und nach meinen Erfahrungen sind diejenigen auch noch als Erwachsene mutig, die grüne Haare und das Piercing links hatten, die „falsche“ Tasche und vielleicht nicht die „richtige“ Jeans. Wer als Jugendlicher provoziert hat, macht vielleicht auch später nochmal die Klappe auf, wenn’s wichtig ist. Hat vielleicht einen Ticken mehr Rückrat, mehr Durchaltevermögen, mehr Selbstvertrauen. Die Angepassten kommen nicht so weit, die geben vorher da auf, wo auch alle anderen aufgeben.

    Nennen wir es das Pseudo-Freak-Manifesto? 🙂

    Davon setzt sich diese seltsame Kultur des „Oh ja, ich bin SO anders!“, wie sie im internet und auf vielen Blogs zelebriert wird, natürlich ab. Weil dieses echte Freak-sein ja nichts mit Mode oder Coolness zu tun hat, sondern ein zwanghaftes Weglaufen vor etwas ist, das man anders nicht ertragen könnte. Oder so.

    Ich bin übrigens Linkshänder, und damit ja mal super total anders. Alter, ey.

    • Ha, ich hab‘ allen Ernstes mal versucht, auf Linkshändigkeit „umzulernen“, um zu dieser so toll speziellen Gruppe dazuzugehören und außerdem, um mich über die zahlreichen Widrigkeiten im Alltag beschweren zu können („Diskriminierung! Schikane! Unerhört!“). Hat aber so gar nicht funktioniert, mittlerweile hadere ich wenigstens nicht mehr mit meiner Händigkeit.

      Ich muss gestehen, ich verstehe nicht so recht den Unterschied zwischen der Rebellion und der „Internetandersartigkeit“. Mach mir den Erklärbär, bitte. Unterscheidet sich Letztere einfach dadurch, dass sie nicht auf die Teeniezeit beschränkt ist? Oder geht es darum, dass im Internet einfach ALLES zu sehen und zu lesen ist und man selbst die verschrobenste Eigenart tausendfach findet und dadurch erst recht Gefahr läuft, sich durchschnittlich zu fühlen?

      Auf jeden Fall ein guter Punkt, dass der erwachsene (Ex-)Rebell vielleicht noch eher zum Querdenker taugt, vielleicht etwas selbstsicherer ist. Andererseits könnte man natürlich denken, dass vielleicht der, der nicht rebelliert hat, später „Nachholbedarf“ hat. Der sich allerdings auch mit reinen Oberflächlichkeiten befriedigen ließe. Hm.
      Gibt’s dazu keine Studie? :mrgreen: (Haha, es ist so albern – wenn ich selber nicht mehr denken möchte, kommt mir unweigerlich die Frage nach einer möglichen Studienerfassung der Thematik.)

      Mir ist grad noch ’ne tolle Abhebungsmöglichkeit eingefallen: „Rechtsherzigkeit“. Da wollte ich doch direkt mal meinen Hausarzt dazu befragen, ob ich das nicht haben könnte. (Und dann las ich, dass das meistens bei spiegelverkehrter Organanordnung der Fall ist – und wenn das bei mir der Fall wäre, müsste das doch mal aufgefallen sein. Mist.) Naja, links ist ja auch politisch hübscher. Und so. :ugly:

  5. Wenn ich so zurückdenke, kommt es mir vor, als hätte ich mir mit den merkwürdigen Rebellionsphasen selber Probleme gemacht, wo ich sonst keine gehabt hätte und Ich glaub genau das ist dann widerum gar nicht so schlecht für die Charakterbildung gewesen, auch wenn es einem jetzt albern vorkommt. Es stimmt natürlich, dass man mit seinen umgedrehten Kreuzen oder trockenen Brotscheiben nur eine von 10000 anderen ist, aber in dem Moment, aus der eigenen Perspektive war man es ja doch nicht, fiel höchstwahrscheinlich (unangenehm) auf und musste damit zurechtkommen (zumindest bei uns auf dem Dorf waren meine 2 Freundinnen u ich die einzigen 13 jährigen Courtney Love Fans, die mit pink-blonden Haaren, Diadem und Hello Kitty Brotkoffer zur Schule gegangen sind). Das ist zwar alles etwas albern aber mir wäre es doch lieber, wenn meine Kinder leicht peinlich rebellieren würden, als wenn sie unbedingt versuchen so zu sein wie alle anderen. Ich merk auch heute noch, dass Leute, die früher rumliefen wie Marilyn Manson, mir heute tendenziell sympathischer sind, als die, die noch nie aus dem Rahmen gefallen sind.
    -und jetzt muss ich zur Arbeit ohne auf den Punkt zu kommen 😀

    • Das ist natürlich ’n gutes Argument, dass man sich auf die Art selbst Steine in den Weg legt, die es dann zu überwinden gilt. Gesetzt den Fall, man schafft das dann auch, muss das gar nicht so schlecht sein.
      Das Lustige ist ja auch, zumindest war es so bei mir: je mehr die Leute gegenreden, desto toller findet man’s. Als ich komplett in schwarz und mit schwarzgefärbten Haaren unterwegs war, dazu noch mit Anämie, sagte meine Mutter (und viele viele Andere) immer, ich sähe aus wie ’ne Leiche. Und das fand ich dann gerade toll. So viel zu Marilyn Manson. xD
      Aber pink-blond mit Diadem hat definitiv auch was.

      • Also, ich bin jünger als du, 15 Jahre, und folglich im perfekten Alter, ANDERS sein zu wollen. Ich.. ja, okay, gut, will anders sein. Asche auf mein Haupt. Ich weiß nur noch nicht, wie. mein besserwisserischer und für seine fast 18 Jahre schon erschreckend erwachsener Freund zieht mich ständig damit auf, ich wäre nicht zufrieden mit mir selbst, bla bla. Dein Beitrag fasziniert mich, jedenfalls das Ende. Narzissmus, ja, hört sich schon so schön an. Naja, vielleicht auch, weil es mich an Narzissen erinnert. Danke, dass du diesen Beitrag geschrieben hast, ich hatte vorher nie überlegt, ob ich einfach.. naja, mich selbst über andere erheben will. Vielleicht hört das auf, wenn ich ‚erwachsen‘ bin. Erwachsener. Aber ich bin Künstlerin, ich male, nur um zu zeigen, dass ich schönes fabrizieren kann, und so sieht meine Kleidung auch aus. Jetzt liest sich das, wie ein Tagebucheintrag. Entschuldige. Aber danke. 🙂

      • Hey, entschuldige dich nicht dafür, dass du deine Gedanken mit mir teilst, ich freue mich darüber!
        Mittlerweile denke ich etwas nachsichtiger über das Thema. Mir scheint das ein fast schon notwendiger Schritt in der persönlichen Entwicklung zu sein, sich erst über Äußeres definieren zu wollen, bis man es über das Innere kann. Wir sind alle gleich, und wir sind alle einzigartig, und manchen ist es einfach wichtiger, dass man das auch auf den ersten Blick sieht. Und selbst wenn man sich irgendwann nicht mehr über Äußerlichkeiten definieren muss, finde ich es doch sehr sympathisch, wenn jemand sich eine oder auch mehrere Eigenarten bewahrt. Als Signatur quasi.
        Bedenklich finde ich es nur, wenn man es nie schafft, sich über etwas Anderes als seine äußerlichen Merkmale oder Gewohnheiten zu identifizieren. Aber wem zu sich selbst als Erstes einfällt, dass er Künstler ist, und der dann erst auf seine Kleidung zu sprechen kommt, den halte ich da für eher wenig gefährdet. (Okay, das ist jetzt ein bisschen anmaßend, ich hoffe, du verzeihst mir das. Jedenfalls danke fürs Gedankenteilen. :))

Gib deinen Senf dazu. Ich freu' mich über jeden Senf.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s