Doppelmoral? Niemals!

Nur wenige Stunden, nachdem unser WG-Boss beschlossen hat, dass jetzt nichts mehr auf dem Kühlschrank gelagert wird (die Frage, wo wir denn dann bitteschön unser Müsli & Co. lassen sollen, wurde beantwortet mit „Irgendwann räum ich den Kram überm Kühlschrank mal weg“ – aber „irgendwann“ wollte er uns auch mal ein bisschen Platz in Flur und Abstellraum überlassen, das ist jetzt fast ein halbes Jahr her):
Kühlschrank
Ihr dürft jetzt genau einmal raten, wem das gehört.

Neues aus der Anstalt

Hallo Welt,

es gibt mich noch. Aus mehreren Gründen scheint das verwunderlich, exemplarisch soll dafür die Schilderung einer nächtlichen Begebenheit in der 3er-WG, in die ich vor wenigen Wochen gezogen bin, dienen:
Zum besseren Verständnis sei vielleicht kurz ausgeführt, dass sich diese WG aus einem Urzeitmieter zusammensetzt. Danach kommt lange nichts. Dann wir, das heißt, die 23jährige australische Sprachschülerin Trudy (neuerdings aufgrund ihrer ausgeprägten Germanophilie umbenannt in Trüdi), mein Hund und ich.
Jener Urzeitmieter ist 50 Jahre alt und Künstler, genauer gesagt Musiker, kann aber auch sehr passabel malen und zeichnen. Sonst kann er nichts, wenigstens sozial betrachtet. Das allerdings weiß er meistens hervorragend zu kaschieren, bis dann zwischendurch immer heftigere Ausfälle auftreten, in denen er eher einem tyrannischen Despoten mit extremem Hang zu Doppelbindungskommunikation und Kontrollsucht ähnelt. Um es mal freundlich zu formulieren. Diese Ausfälle sind höchstwahrscheinlich seiner chronischen und durchaus bemitleidenswerten Überforderung mit der Gesamtsituation (aka „Leben“) geschuldet. Was mein geschundenes Herzkreislaufsystem nicht daran hinderte, mehrmals kurzzeitig aus Gründen der Angst den Dienst zu quittieren.

Dieser Mitbewohner, der für die lange Zeit, die er schon Deutschland als seinen Wohnort benennen kann, bemerkenswert schlecht verständlich diese unsere Sprache hervorwürgt, lässt uns (wir erinnern uns: Trüdi, Mimi und mich) nur aus finanziellen Gründen in SEINEM Territorium überleben, was womöglich auch erklärt, warum er meinem Besuch aus Gründen des zu hohen Wasserverbrauchs durch die extra anfallenden Toilettenspülungen Hausverbot erteilen zu können gedachte und die Waschmaschinenbenutzung auf einmal im Monat reduzieren wollte. Begründet wurden diese seine Ansinnen nicht spezifisch, sondern lediglich mit dem mindestens zweimal am Tag hervorgebrachten Universalargument „Ich habe finanzielle Probleme, große Probleme, du weißt das, du bist damit einverstanden, sonst wärst du nicht hier, ich will keinen Stress, ich will nur meine Ruhe, ich will nur meine Ruhe, ich will keinen Stress“ (im Übrigen sei dies wohl auch der Trennungsgrund von der Mutter seines Kindes gewesen).
Selbstverständlich wurden diese von mir freundlicherweise als Vorschläge aufgefassten Wunschäußerungen nicht befolgt, was zu einem mehrtägigen kriegsähnlichen Zustand führte. Seither bemühe ich mich um meines Überlebens willen zumindest, den Wasserkocher nur einmal täglich und 90% der Badbeleuchtungsinstallationen nie („Wir sind jung, wir brauchen solchen Luxus nicht“) zu benutzen.

Wenn ich also aus dem nahezu stockdusteren Badezimmer
trete, bleibt mir nur ein Lichtblick: Trüdi. Niedlichkeit bis in die Zehenspitzen und eine schier unbändige Begeisterung für Deutschland samt deutscher Sprache. Von ihr durfte ich erfahren, dass ALLE Deutschen 1. rauchen, 2. Architekten sind oder werden und 3. vor allem unglaublich klug sind. Der nur Marihuana rauchende Musiker ist von Hause aus Chilene und darum nicht in der Lage, an diesem Bild zu rütteln.
Diese ihre Naivität erlaubt es mir auch, darüber hinwegzusehen, dass sie neben Deutschland viel Liebe für die Kaffeehauskette Starbucks® (sie ist seit wenigen Tagen vor Stolz beinahe platzende Besitzern der Starbucks®-Card) und ihr im Vergleich zu einem ordinären Laptop als schier göttlich anzusehendes MacBook (Air!) empfindet. Nur für sie habe ich einen TkMaxx (grauenvoll) betreten und mich dort sogar noch in ein Dirndl (mir fehlten Luft, Brüste und Worte) gezwängt.

Diese Mitbewohnerin also war gestern widerwillig feiern, hat mindestens ein Bier zuviel erwischt und nebenbei einen entfernten Vertreter männlichen Geschlechts mit in die Wohnung des Chilenen gebracht. All das wurde mir schlagartig um sieben Uhr morgens klar, als sich neben mir im Bett nicht mein Hund, sondern ein Mensch mit Kurzhaarfrisur befand, der friedlich unter meiner Bettdecke schlummerte. Vollkommen überzeugt, es müsse sich entweder um eine Halluzination handeln (obwohl sich seine Körperwärme wirklich frappierend real anfühlte) oder sonstwie alles mit rechten Dingen zugehen, bat ich meinen besten Freund, der legitimerweise auch bei mir, nicht aber in meinem Bett nächtigte, um Erklärung:
„Freund? Freuuuund?“ –
„Hm?“ –
(ich hatte einen Arm in die Luft gestreckt, wie damals in der Schule, und knickte nun im Handgelenk ein, um auf die unerwartete Persona non grata zu zeigen) „Wer IST das?“ –
„Hm?“ (er hatte natürlich noch die Augen geschlossen und war nicht gänzlich in der Lage, mir mental zu folgen) –
„Hier, der hier, in meinem Bett! Da liegt doch wer außer mir, oder? Guck mal bitte.“

Nun rieben sich beide, der Junge und der Mann, verschlafen die Augen, der Mann versuchte, sich einen Reim auf den Anblick des Extrapaars Beine in meinem Bett zu machen, der Junge schaute mich verschlafen an. Mein Hund, der sich schon wiederholt in vollkommen ungünstigen Augenblicken als Wachhund hervorzutun versucht hatte, blieb seinem Motto treu, wirklich nur dann wachhündisch tätig zu werden, wenn nicht das geringste Quäntchen an Erfordernis bestünde, und schnarchte friedlich und selig zu Freunds Füßen.
Ich, mittlerweile bei dem Gedanken angekommen, es müsse sich hier um einen Fehler in der Matrix handeln und ich sollte mich möglichst schnell wieder um Schlaf bemühen, um das Auftauchen der Agenten Smith nicht zu bemerken, war des Sprechens noch nicht wieder fähig geworden, weshalb Freund die weitere Korrespondenz mit der menschgewordenen Eigentümlichkeit zu führen hatte:

„Was machst du denn hier?“, fragte er in verwirrt-freundlichem Ton, „Und wie bist du hier reingekommen?“
„Durch die Tür“, antwortete der Jüngling mit einer Selbstverständlichkeit, die zu implizieren schien, dass damit alles gesagt sei und er sich wieder dem Schlaf zuwenden könne. Ich hatte ihm mittlerweile meine Bettdecke entrissen, allein schon, weil es meine war, und dadurch offenbart, dass seine gesamte Kleidung nur aus einer blau-türkis-karierten Boxershorts bestand.
„Du bist sicher durch die Tür gekommen, nicht etwa durchs Fenster reingeklettert?“ (Ein sinniger Gedanke, wie ich anerkennen musste, da sich mein Zimmer im Erdgeschoss und das Fenster im maximal geöffneten Zustand befand. Kurz war ich versucht, den Eindringling als Einbrecher zu betrachten und unter animalischem Gebrüll aus meinem Bett zu treten. Allein Freunds immer noch sehr freundlicher Tonfall hielt mich davon ab. Der macht das schon, dachte ich mir und wartete ab.)
„Nein, nein, ich bin durch die Tür gekommen…“ Der Jüngling blickte sich langsam verwirrt um, „War wohl die falsche Tür, was?“
„Bist du sicher, dass du überhaupt in der richtigen Wohnung bist?“
„Ja schon… Ich war doch nur kurz auf der Toilette… und dann bin ich wieder ins Bett gegangen. Welche Tür hätte ich denn nehmen müssen, die daneben?“
„Genau, nimm mal die daneben“, schlug Freund vor. An dieser Stelle intervenierte ich mit einem „Oh, das ist glaub ich keine gute Idee“ und machte damit Freunds diabolischen Plan zunichte, den Jungen in das Zimmer des selbsternannten Hauptmieters zu lotsen. Im Nachhinein ärgere ich mich sehr über mich, aber ich verfügte nunmal schon immer über eine recht lange Leitung. Sich darüber erneut aufzuregen, wäre so sinnvoll wie der Sonne vorzuwerfen, dass sie die Erde bestrahlt.
Freundlich und hilsbereit brachte ich also endlich Trudy ins Spiel, was mit einer milden Erleuchtung seitens des männlichen Nachwuchses beantwortet wurde und erläuterte ihm den Weg in sein Bestimmungszimmer, was dieser mit einem „Ach so… Tschüss dann“ quittierte und endlich verschwand. Durch die Tür.

Der, dessen Name nicht genannt werden darf, schalt kurz mich, dass ich seine Absichten so nachhaltig durchkreuzt hatte, dann den immer noch friedlich schlummernden Hund für sein klägliches Versagen als selbsterwählter Wachhund. Ich wunderte mich noch kurz darüber, dass der Eindringling nicht spätestens über den im Vergleich zu Trudys Räumlichkeiten wesentlichen komplizierteren und sehr verschlungenen Weg von der Tür ins Bett erwacht war. Freund schlug vor, dass dies wohl einer gehörigen Ethanolintoxikation geschuldet sei. Als ich mich kurz danach ins wie immer schlecht beleuchtete Bad aufmachte, versicherte mir der beißende Geruch von Erbrochenem den 1000promilligen Wahrheitsgehalt dieser Theorie.

Wer bis hierher durchgehalten hat, den möchte ich herzlich bemitleiden. Die obigen Ausführungen sollten eine milde Andeutung enthalten, warum ich in der letzten Zeit (neben Problemen mit dem Internetanschluss) so wenig zum Publizieren gekommen bin und außerdem andere Prioritäten hatte als das Lackieren meiner Fingernägel, wenn dies nicht durch einen nervös bedingten Tremor schon physiologisch eine Unmöglichkeit darstellte.
Eine frische Maniküre ist nämlich beim Putzen der Toilette doch eher hinderlich.

Zum Schluss nur drei Fragen:
0. Bist du deutsche/r Staatsbürger/in?
1. Bist oder warst du nikotinsüchtig?
2. Bist du Architekt/in und/oder gedenkst es zu werden?
3. Wie hoch ist dein IQ? (Profitipp zur absolut zuverlässigen Ermittlung: Blutdruckmessgerät anschließen, auf Auswertung warten und per Zufallsprinzip eine der beiden Zahlen wählen.)